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Leutmannsdorf Kreis Schweidnitz
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Die Teilevakuierung Leutmannsdorfs
von Richard Keijzer

Anfang des Jahres 1945 wurde klar, dass die Rote Armee eine Offensive in Richtung Berlin durchführen würde. Wie es aussah, sollte die Russische Kriegsmaschine Leutmannsdorf überrollen. Von der Grenze an der Weichsel kam eine Russische Heereseinheit nach Westen, wobei manche Städte erobert wurden.

Die Dorfbewohner hatten schon eine lange Reihe von Flüchtlingen vorbei kommen sehen und von denen böse Geschichten erfahren über das Verhalten der Russischen Soldaten. Die Angst wuchs im Dorf, besonders wenn Flugzeuge zu sehen waren. Am 1. Februar sah man im Norden des Dorfes in Richtung Schweidnitz Flugzeuge. Zuerst nur kleine schwarze Fleckchen die schnell wuchsen.

Plötzlich sah man unter diesen Fleckchen eine Art Staubwolke. So hatte man das wenigstens interpretiert. Nach wenigen Minuten wurde deutlich, worum es sich hier handelte. "Das sind Bomben!" hat  jemand gerufen und fast die ganze Gruppe floh in den Keller von Sauers Molkerei.  Sie hatten Glück, wenn die Flugzeuge nach Leutmannsdorf gekommen wären und die Molkerei bombardiert hätten, wäre keiner lebend rausgekommen.

Zwei Tage später wurde die Kreishauptstadt zum zweiten Mal bombardiert und das sorgte wieder für neue Aufregung. Die Leute sprachen unter einander und eigentlich war die einzige Frage  "Was machen wir? Bleiben oder fliehen, und wenn ja, wohin?"

Die Diskussionen wurden noch angefeuert durch viele Flüchtlinge die durch das Dorf zogen und grausame Geschichten über das Verhalten der Russen erzählten. Es war u.a. die Rede von Vergewaltigungen, Schießereien, Prügeleien, Brandstiftung und mehr.

Die Stimmung ging immer mehr in Richtung: Flüchten! Inzwischen gab es eine Entwicklung auf Nationalebene, die Deutsche Reichsbahn Gesellschaft (DRG) hatte aus Berlin den Befehl bekommen, dass keine Eisenbahngeräte, Züge, Lokomotiven oder Waggons in die Hände der Russen fallen dürfen. Es hieß: Abführen nach dem Westen oder vernichten. Der Ortsgruppenleiter in Leutmannsdorf hatte diese Befehle auch bekommen und er sah darin eine gute Gelegenheit, die Bevölkerung des Dorfes zu evakuieren.

Zumindest alle Frauen und Kinder sollten abreisen, die Männer konnten wählen, entweder mitzukommen oder zu bleiben. Einige sind tatsächlich geblieben, wie der Bäcker und der Apotheker. Die Frauen und Kinder und einige Männer wurden am frühen Morgen des 12.2.1945 mit Pferd und Wagen zur Eisenbahnhaltestelle in Faulbrück gebracht. Eigentlich ist "Haltestelle" etwas zuviel gesagt, damals hatten die Züge dort nur kurz stillgestanden um Post und ab und zu einen Passagier abzuliefern.

An der Haltestelle sahen die Leute eine lange Reihe Abteilwagen der DRG, gezogen von einer großen Lokomotive. Man hat versucht, so viel wie möglich an Abteilwagen heranzuschleppen. Die Einwohner des Dorfes durften pro Person 50 Kilogramm Kleider und andere Besitztümer mitnehmen. Trotzdem war das Gesamtgewicht des Zuges und seiner Insassen zu groß. Besonders, wenn der Zug einen Hügel zu überqueren hatte. Das Eulengebirge hat und hatte viele Höhenunterschiede, eine flache Strecke war eine Ausnahme. Daher wurde beschlossen, den Zug in zwei Hälften zu teilen und eine Art Staffettenfahrt zu machen. Zuerst wurde die eine Hälfte von A nach B gefahren, nachdem die Lokomotive leer zurück kam, wurde die zweite Hälfte transportiert.

Es folgte eine lange Zeit mit fahren – warten – fahren – warten. Immer musste die Lokomotive ab- und wieder angekoppelt werden.

Der Zug setzte sich in Bewegung, zuerst in Richtung Reichenbach und von dort aus weiter südlich. Später stellte sich heraus, dass dies eine sehr glückliche Entscheidung gewesen war. Denn wenn man den Zug in die andere Richting hätte fahren lassen, dann wären die Menschen direkt in der Bombardierung von Dresden gelandet. Die südliche Route hat sich als lebensrettend erwiesen.

Eine Bemerkung: obwohl es Krieg war, konnten die Züge normal fahren. Es gab jede Menge Kohle und Wasser und auch die Wartung (besonders Schmiermittel) war problemlos.

Von Reichenbach ging es weiter über die Grenze nach Tschechien, kreuz und quer durch das Land, vorbei an Prag und Pilsen.

In Prag gab es einen Aufenthalt von zwei Tagen. Nicht ganz deutlich ist warum, aber alle Reisenden mussten umsteigen in einen anderen Zug. Nach mehreren Tagen wurde Cheb erreicht wo die Grenze nach Oberbayern überquert wurde.  Einmal wieder in Deutschland wurde schnell weitergefahren in Richtung Wunsiedel, dort war Endstation. Von dort aus hat man die Leute verteilt über die umliegenden Städte und Dörfer. Ein Teil der Bevölkerung Leutmannsdorfs ging nach Thiersheim, ein anderer Teil kam nach Thierstein. Sie wurden meistens auf Bauernhöfen untergebracht.

Diese Erzählung kam zu Stande nach etlichen Gesprächen mit einem Augenzeugen, der seine Geschichte nur auf der Grundlage strikter Anonymität teilen wollte.