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Leutmannsdorf Kreis Schweidnitz
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Weberdorf - Leutmannsdorf

Mancher Wanderer, der die 8 km lange Dorfstraße durchpilgerte, fragte: Dorfstraße_1914 „Warum haben denn die alten Häuser so viele Fenster?“ Jedem Fremden fiel das auf. Nun, hinter jedem Fenster stand einmal ein Webstuhl. Die Wohnstube war Küche, Werkstatt und Schlafraum. Da kam man natürlich nicht mit 12 oder 16 qm aus. Die Stuben waren sehr groß und doch so ausgenützt, dass nur schmale Gänge zwischen den einzelnen Gegenständen blieben. Unser Bild zeigt uns eine solche Leutmannsdorfer Weberstube. Auch der Mann, der dort am Webstuhl arbeitet, lebt noch. Es ist Herr Heinrich Müller aus Leutmannsdorf, 74 Jahre alt und wohnt bei seinem Sohn Alfred Müller in Berleburg, Kr. Wittgenstein/Westf. Mit 14 Jahren stieg er in den Webstuhl, über 25 Jahre hat er und seine Frau allein für den Fabrikanten Hermann Rutsch in Leutmannsdorf gearbeitet. Er ist einer der letzten Leutmannsdorfer Weber.

webstuhlDie Weberei war anfänglich Bauernarbeit und Bauernkunft. Im Winter arbeitete man Wolle und Flachs auf. Später wurde die Weberei zum Handwerk. Der Weber war zunächst selbständiger Unternehmer, der Wolle oder Flachs vom Bauern annahm oder kaufte und die fertige Ware entweder zurücklieferte oder verkaufte. Seine Stellung und auch sein Einkommen änderten sich, als Handel und Fabrikanten sich einschalteten. Sie nahmen ihm zwar den Einkauf der Rohware und den Verkauf der Fertigware ab, aber er verlor damit seine Selbständigkeit und wurde Heimarbeiter. Er wurde abhängig vom Unternehmer und allen Schwankungen des Marktes. Nach kurzer guter Zeit, Blütezeit ist schon zu viel gesagt, begann das dauernde Weberelend. Dieses wuchs so an, daß es um 1850 zu Aufständen kam. Obwohl es in Leutmannsdorf ruhig blieb, wurde es vorübergehend von Militär besetzt. An die Stelle von Flachs und Wolle trat die Baumwolle. Die aufstrebenden Fabriken erschwerten das Durchkommen noch mehr. Der Hausweber war zur Umstellung als Fabrikarbeiter oder Aufhören verurteilt. Genügsamkeit Sparsamkeit, ein unermüdlicher Fleiß u. Sangesfreudigkeit halfen ihm sein schweres Los zu ertragen. 400 Webstühle klapperten vor dem 1. Weltkrieg noch im Dorf. In Barchent der Hauptsache wurde Barchent hergestellt, der in vielen bunten Mustern nach Oberschlesien und Polen ging. Fabriken entstanden in Leutmannsdorf nicht. Die Folge war die Abwanderung der Bevölkerung. Hatte Leutmannsdorf um 1890 eine Einwohnerzahl von ca. 5.000, so verringerte sich diese bis 1945 auf rund 3.000. Viele gingen in die Industriegebiete, zur See und nach Amerika. Die Auswanderer von Übersee schenkten der kath. Kirche nach dem 1. Weltkrieg die Glocken. Auch eine recht ansehnliche Erbschaft (50.000 Dollar) kam einmal ins Dorf zurück. Der 1. Weltkrieg gab der Hausweberei den Todesstoß. Eine örtliche Hilfsgemeinschaft suchte zu helfen, was in ihren Kräften stand. Mehrere Millionen Sandsäcke wurden zum Nähen ausgegeben, Arbeitsplätze wurden vermittelt und wo die Not am größten war, wurden Unterstützungen gewährt aus gesammelten Mitteln. Einer der letzten Webstühle, viele Muster angefertigter Stoffe, ein Pokal der Webergesellschaft Leutmannsdorf fanden Aufnahme im Heimatmuseum Schweidnitz, bis dieses in die Hände der Polen fiel. Wichtig ist darum jedes Bild, das uns Kunde bringt, wie es einmal in der Heimat war.
Gerhard Schön, Lehrer (ca. 1950)

1845 gab es in Leutmannsdorf (einschl. Klein Friedrichsfelde)
79 Baumwollwebstühle und 578 Leinwandwebstühle

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